MOSKAUER DEUTSCHE ZEITUNG Nr. 3 (226) FEBRUAR 2008

12:10 | Von | Kategorie: Steyler Missionare, Presseecho
Thomas Körbel computeranimation_perspektive Es ist Sonntag, Gottesdienst. Draußen herrschen eisige minus fünfzehn Grad Celsius, doch wer den Kirchesaal betritt, den umgibt das Gefühl wohltuender Wärme. Sonnenstrahlen brechen durch die mit transparenter Folie notdürftig abgedichteten Fenster der Kirche Mariä- Heimsuchung. Im Seitenschiff hat sich um zwei Heizstrahler die kleine Schar Gläubiger versammelt. Die Messe neigt sich dem Ende ent­gegen. Langsam beginnt die Kälte nun doch an den Beinen hoch zu krie­chen und spätestens jetzt wird einem klar, dass es bis zu einem funktio­nierenden Wallfahrtsort noch ein gan­zes Stück Arbeit ist. Warum möchte Pater Richard Stark gerade hier eine Pilgerstätte errichten? Unter dem Schutt der Jahrzehnte birgt das Gotteshaus eine weit zurückreichende Historie der Katholiken an der Newa. „Ich habe diese Kirche in einem trostlosen Zustand in einer noch viel trostloseren Gegend vorgefunden“, bringt es Stark, Ordensbruder der Steyler Missionare, auf den Punkt. Das Gebäude ist total verfallen. Der Turm wurde vor Jahrzehnten teilweise abge­tragen. Der Kommunismus hat atheis­tischen Raubbau betrieben, das Haus Gottes zum Kartoffellager umfunktio­niert. Ein kleiner, privater Schrottplatz auf dem Kirchengelände bildet die letzte Ruhestätte für Altmetall; dort, wo früher Menschen bestat­tet wurden. Ringsherum stehen alte Industriebauten, Grau in Grau. Es stinkt nicht, aber der Mief der Vergangenheit lastet auf dem Gelände. Dabei ist Mariä-Heimsuchung ein geschichtsträchtiger Ort für die katho­lische Kirche in Russland. Das Gebäude war zwischen 1859 und 1922 die Friedhofskirche der Katholiken in der Newa-Metropole. „Über 40 000 Seelen, darunter eine Vielzahl namhafter Ausländer, die in St. Petersburg gewirkt haben, liegen hier begraben, rund 4000 davon haben wir bereits identifiziert“, erklärt der Pater. In der Krypta der Kirche befinden sich die Gräber von acht Erzbischöfen und Bischöfen sowie die Familiengruft der berühmten St. Petersburger Künstlerfamilie Benois. Einer von ihnen, Nikolai Benois, hat die Kirche selbst erbaut. In den Jahren des Kommunismus wurden sämtliche Gräber zerstört und geplündert. An der Wand im provisorischen Altarraum hängen plakatgroße Schwarzweiß- und Farbfotos vom Zustand des Gebäudes, als es 2002 an die katholische Kirche zurückgegeben wurde. Dazwischen hängt ein Portrait von einer Ordensschwester. Es ist das Bildnis der seligen Boleslawa Maria Lament, einer polnischen Ordensgründerin, die sich in Mariä-Heimsuchung zwischen 1914 und 1921 für die Ökumene ein­gesetzt hat. Lament hat ein friedliches und fruchtbares Miteinander zwischen Orthodoxen und Katholiken gesucht und gemeinsame soziale Projekte in St. Petersburg durchgeführt. „Ein sehr moderner Ansatz“, findet Richard Stark. Schon heute kommen regelmäßig Pilger aus ihrer polnischen Heimatgemeinde in Bialystok in die Mineralnaja-Straße zum Gebet. Daran will Stark anknüpfen. All das zusammen ist ihm Anlass genug, den ersten katholischen Wallfahrtsort auf russischem Boden in St. Petersburg zu gründen. Ein internationaler Ort der Begegnung und des Gedenkens schwebt ihm vor. Dafür sollen Kirche und Friedhof restauriert werden. Das Gemeindezentrum könnte im Kirchturm Unterschlupf finden, wo sich dank kommunistischer Umbauten neue Räumlichkeiten ergeben haben. Etwa fünf bis zehn Millionen Euro wird das Projekt vermutlich kosten. Doch bei der Umsetzung hapert es nicht am Geld. Stark kann sich auf einen finanzkräftigen Förderkreis stützen. Vielmehr sind ein langer Atem und Fingerspitzengefühl gefragt. Einerseits gilt es, die russischen Behörden von dem Vorhaben zu überzeugen, was eine Vielzahl von Amtsgängen und offiziellen Dokumenten bedeutet. „Und auf den Ämtern herrscht die gleiche eisige Kälte wie zurzeit auf der Straße“, beschreibt der Pater seine Eindrücke mit einem iro­nischen Grinsen. Andererseits muss von den Nachbarn, den Besitzern der umlie­genden Firmen, das Friedhofsgelände zurückgekauft werden. Und da hängt die Kooperation auch schon mal von den vorhandenen Finanzmitteln ab. „Eine Million Dollar wollte einer für eine halb verfallene Garage neben der Kirche haben, die ich dann sowieso abreißen würde“, ärgert sich Stark, doch wun­dern tut ihn das kaum noch. Bevor er 1999 seine Tätigkeit in Russland begann, arbeitete er 28 Jahre lang im Kongo. „Das war eine harte aber gute Schule für meine Aufgabe hier.“ Unterstützung erfährt der Steyler Missionar von verschiedenen Seiten. Cas deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg setzt sich aktiv für die Instandsetzung der Kirche ein. Das sei sicherlich auch für den einen oder ande­ren Fortschritt in den Verhandlungen mit der Stadt von Vorteil gewesen, meint Stark. Vor wenigen Wochen habe er einen Brief vom Bürgermeister bekom­men. „Freie Fahrt haben wir noch nicht, aber ich glaube, wir können bald mit dem Verlegen von Wasser- und Gasleitungen beginnen“, hofft er. Pawel Pezzi, Erzbischof der katholischen Kirche in Russland, hat ihm ein offizielles Empfehlungsschreiben ausgestellt. Er schreibt: .Zusammen mit der Leitung der katholischen Kirche heiße ich dieses Projekt gut und unterstütze es in jeder Beziehung. Ich rechne damit, dass es ein bedeutender Ort des Gedenkens der Opfer der Verfolgung unserer Kirche, ein Ort der Wallfahrt und des Gebets der Gemeinden St Petersburgs und Russlands wird.“ Die orthodoxe Kirche stehe dem Projekt positiv gegenüber, sagt Erzpriester Wjatcheslaw Charinow. Er setzt sich in St. Petersburg für die Ökumene ein. So etwas wie Konkurrenz empfinde er nicht. „Es ist ein gutes Vorhaben*, sagt Charinow, .denn es ist eine Schande, was unsere Väter aus Kirche und Friedhof in Maria- Heimsuchung gemacht haben.“ Doch mahnt der orthodoxe Würdenträger zu kultureller Sensibilität Die Gedenkstätte sollte offen sein für alle, egal wel­chen Glaubens, denn alle hätten unter dem totalitären Regime gelitten. .Die katholische Kirche ist in Russland eine Minderheit und darf sich nicht selbst abschotten, indem sie eine speziell katholische Gedenkstätte errichtet“, ist Charinow überzeugt Daher warnt er vor einem überschwänglichen Gebrauch des Wortes „Wallfahrt“. Der Ausdruck impliziere eine religiöse Exklusivität der katholischen Kirche, die sie aus diplo­matischen Gründen vermeiden sollte. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Charinow eine zuneh­mende Gleichgültigkeit zwischen den Konfessionen beobachtet: „Nach der Perestroika sind die Kirchen mit einer .Parteimentalität‘ nach Russland gekom­men. Jeder sieht nur seine eigenen Probleme, will Gemeinden gründen und Kirchen restaurieren und interessiert sich dabei nicht mehr für das Schicksal der anderen.“ Dem gelte es entgegen­zuwirken. Sich an Unterschieden fest- zuklammem, sei kein Weg, erklärt er, „denn wir haben doch alle die gleichen Probleme in dieser Gesellschaft, in der lange religiöse Leere herrschte.“ Ob Wallfahrtsort oder Begegnungs­stätte, dass es an Besuchern in Russlands touristisch wichtigster Stadt nicht mangeln wird, davon ist Stark über­zeugt. Fest entschlossen, sein Projekt zu verwirklichen, gesteht er jedoch ein, dass es noch viele Jahre Arbeit bedeu­tet. Bis dahin wird der Pater weiter verhandeln, selbst beim Bau mit anpa­cken und an vielen Sonntagen mit sei­ner kleinen Gemeinde im Seitenschiff der Kirche an der Mineralnaja-Straße Gottesdienst feiern. Pezzi, Erzbischof der katholischen Kirche in Russland, hat ihm ein offizielles Empfehlungsschreiben ausgestellt. Er schreibt: .Zusammen mit der Leitung der katholischen Kirche heiße ich dieses Projekt gut und unterstütze es in jeder Beziehung. Ich rechne damit, dass es ein bedeutender Ort des Gedenkens der Opfer der Verfolgung unserer Kirche, ein Ort der Wallfahrt und des Gebets der Gemeinden St Petersburgs und Russlands wird.“ Die orthodoxe Kirche stehe dem Projekt positiv gegenüber, sagt Erzpriester Wjatcheslaw Charinow. Er setzt sich in St. Petersburg für die Ökumene ein. So etwas wie Konkurrenz empfinde er nicht. „Es ist ein gutes Vorhaben*, sagt Charinow, .denn es ist eine Schande, was unsere Väter aus Kirche und Friedhof in Maria- Heimsuchung gemacht haben.“ Doch mahnt der orthodoxe Würdenträger zu kultureller Sensibilität Die Gedenkstätte sollte offen sein für alle, egal wel­chen Glaubens, denn alle hätten unter dem totalitären Regime gelitten. .Die katholische Kirche ist in Russland eine Minderheit und darf sich nicht selbst abschotten, indem sie eine speziell katholische Gedenkstätte errichtet“, ist Charinow überzeugt Daher warnt er vor einem überschwänglichen Gebrauch des Wortes „Wallfahrt“. Der Ausdruck impliziere eine religiöse Exklusivität der katholischen Kirche, die sie aus diplo­matischen Gründen vermeiden sollte. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat Charinow eine zuneh­mende Gleichgültigkeit zwischen den Konfessionen beobachtet: „Nach der Perestroika sind die Kirchen mit einer .Parteimentalität‘ nach Russland gekom­men. Jeder sieht nur seine eigenen Probleme, will Gemeinden gründen und Kirchen restaurieren und interessiert sich dabei nicht mehr für das Schicksal der anderen.“ Dem gelte es entgegen­zuwirken. Sich an Unterschieden fest- zuklammem, sei kein Weg, erklärt er, „denn wir haben doch alle die gleichen Probleme in dieser Gesellschaft, in der lange religiöse Leere herrschte.“ Ob Wallfahrtsort oder Begegnungs­stätte, dass es an Besuchern in Russlands touristisch wichtigster Stadt nicht mangeln wird, davon ist Stark über­zeugt. Fest entschlossen, sein Projekt zu verwirklichen, gesteht er jedoch ein, dass es noch viele Jahre Arbeit bedeu­tet. Bis dahin wird der Pater weiter verhandeln, selbst beim Bau mit anpa­cken und an vielen Sonntagen mit sei­ner kleinen Gemeinde im Seitenschiff der Kirche an der Mineralnaja-Straße Gottesdienst feiern.
Tags:

Schreibe einen Kommentar