aktuelle Reflektionen

19:54 | Von | Kategorie: Aktuelle Neuigkeiten

Mit Zustimmung der Verwaltung der Webseite „Geburt“ und von P.A. Parfentyev, veröffentlichen wir hier Auszüge aus einem Interview – Gedanken über Familie, Christentum und ihre heutigen Probleme und Herausforderungen. Diese Überlegungen erschienen uns wichtig, aktuell und sehr stichhaltig.

Das Interview mit Paul Parfentyev, dem Vorsitzenden der Nichtregierungsorganisation „Für die Rechte der Familie“ führte

 

Eugenie Lomonossova: Paul, als Vorsitzender der NGO „Für die Rechte der Familie, möchte ich Sie fragen, was bedeutet Familie im heutigen Kontext? Unterscheidet sie sich von der Familie im XX. oder XIX. Jahrhundert?

P.A Parfentyev, russischer Katholik des Byzantinischen Ritus, Kirchenhistoriker, Rechtsanwalt und christlicher Pädagoge, Vorsitzender der NGO "Für die Rechte der Familie".

 

Paul Parfentyev: Nach Analyse aktueller Trends, stellen wir fest, dass die Familie als Institution bei uns weitgehend degeneriert ist (ich spreche nicht nur von Russland). Heute ist die durchschnittliche Familie – eine bloße „wirtschaftliche Größe“. Die Menschen leben zusammen, haben aber weiter nichts gemeinsam. Es besteht keine zärtliche Zuneigung innerhalb der Familie, die Menschen haben nicht das Gefühl, einer Sippe oder Volksgruppe anzugehören. Eine solche Familie bekennt sich nicht zu einer religiösen Gemeinschaft, kann sich also nicht mit der Kirche identifizieren.

Früher haben sich die Menschen immer als Teil einer Gemeinschaft gefühlt und waren durch die Familie in der Gemeinschaft, der ethnischen Gruppe „eingebettet“. Unter diesen Umständen war es undenkbar, dass eine Person zum Beispiel selbst seinen Glauben auswählte, der ihm vielleicht besser „geeignet“ schien oder ihm mehr „gefiel“. Übrigens ist es heutzutage Sitte, wenn die Frage nach der Religion gestellt wird, dass diese meist mit Selbstverwirklichung verbunden wird.

In der durchschnittlichen Familie (natürlich kommen glückliche Ausnahmen vor) gibt es heute weder eine kulturelle Zusammengehörigkeit, noch gemeinsame Bindungen des Lebens aus der Vergangenheit zur Zukunft hin. Es fehlt eine familiäre Weltsicht; die Familie kennt weder gemeinsame Vorhaben, noch gemeinsam geteilte Aufgaben. In der Tat verspürt die Familie nicht das Bedürfnis, einem größeren, darüber hinaus liegendem Gut zu dienen. Es gibt keine Gemeinschaft, die die Familie vereinen könnte.

Eugenie: Dies erinnert uns spontan an eine virtuelle Netzgemeinschaft. Ist dies vielleicht ein Versuch, die dringend benötigte menschliche Gemeinschaft wiederherzustellen?

Paul: Nur bis zu einem gewissen Grad. Diese Gemeinschaft umgibt mich mit Bindungen, aber sie verpflichtet zugleich. Der Mensch erlebt seine gegenseitige Abhängigkeit von anderen Menschen; sie können nicht ohne ihn sein, und er nicht ohne sie. Eine solche Gemeinschaft zu verändern, ist ein schwieriger, schmerzhafter Prozess; in jedem Fall ist sie nicht mit einem Knopfdruck „Gemeinschaft aufnehmen“ oder mit der Taste „Gemeinschaft verlassen.“ zu steuern. Ein virtueller Austausch ist kein Ersatz für eine wirkliche Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten, gemeinsamen Lebensstrom, gleichem historischem Schicksal.

Dasselbe gilt für eine Gruppe von Nationalisten. Sie ist ein ungeschickter Versuch, eine bestehende Lücke zu schließen. Lassen Sie mich daran erinnern, dass wir lange Zeit ersatzweise mit dem Ausdruck der ethnischen Zugehörigkeit gelebt haben – „das sowjetische Volk „. Dies führte in die Leere, und danach begannen scharfe nationalistische Ausbrüche mit blutigen Folgen. Die menschliche Natur fordert vehement von der Person, sich zu identifizieren, seine Zugehörigkeit zu etwas Transpersonalen zu definieren. Unter normalen Umständen wird „forsche, jugendliche“ Energie, die im Blut fließt, von den Senioren zum Stoppen gebracht. Dass die Jungen anfangen, ihre Fäuste zu ballen – ist ganz normal, aber es sollte eine Ordnungskraft in der Lage sein, sie zu bremsen. Und die haben wir nicht.

Wir müssen die Traditionen und den Lebensstrom erst neu erschaffen. Dies ist nicht möglich mit künstlichen Konstruktionen von „oben“; die Gesellschaft muss auf natürliche Weise wachsen. Wie genau, das hängt vom kulturellen Raum und von den vorherrschenden Werten ab. Aber die Menschen müssen sich mit ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe identifizieren können; das ist eine wichtige anthropologische Komponente.

Aus meiner Sicht definiert sich eine Gemeinschaft, eine Volksgruppe, vor allem durch gemeinsame Bräuche, eine gemeinsame Lebensweise, durch ein einfaches Leben von Menschen in Bezug auf ihre Gewohnheiten und ihre alltäglichen Beziehungen. Daher ist Blutsverwandtschaft hier nicht maßgebend.

Zahlreiche Zusammenschlüsse von Eltern, die die gleichen Werte leben, sind genau so Gemeinschaften, die ziemlich nahe an ethnische Gebilde herankommen, wenn die Mitglieder des Clubs ernst und tief miteinander verbunden sind. Diese Gemeinschaften können zahlreich sein, auch innerhalb eines einzigen kulturellen Raums (und in Russland gibt es viele von diesen kulturellen Feldern). Aber diese Gemeinschaften kommen nicht von allein auf. Sie entstehen nur, wenn gewisse Leute sie gezielt aufbauen und sich dafür aufopfern. Wenn man nicht 10 Jahre seines Lebens darauf verwendet, um eine solche Gemeinschaft zu gründen, von selbst wird sie nicht entstehen. Aber die Leute folgen lieber den Weg des geringsten Widerstandes, d.h. so wenig wie möglich Verantwortung übernehmen, und wenn man sie übernimmt, dann nur solche, aus der man sich leicht wieder verabschieden kann. Ein normales Leben dagegen, eine ganzheitliche Umsetzung der inneren Freiheit, erfordert gerade totale Selbsthingabe für einen bestimmten Weg, eine besondere Wahl. Übrigens ist die Ehe eine solche Selbsthingabe.

Eugenie: Aber man kann sich auch außerhalb der Ehe bewegen. Sie eingehen – und wieder auflösen…

Paul: Es ist eine völlig anormale Situation, wenn „viele Versuche“ in einer Ehe und deren Auflösung die Norm ist. Dass Menschen heiraten und von der Tatsache ausgehen, dass es sich nicht um eine Verbindung für das Leben handelt, führt leider zum Zerfall der Familie als solche und dadurch – zur ganzen Gesellschaft. Im Herzen der Familie muss eine stabile und dauerhafte Verbindung stehen. Der Zerfall der familiären Bindungen darf nicht und sollte niemals als normal angesehen werden.

In einigen Ländern gibt es zur Zeit folgendes Problem – es treten Mönche nicht mehr in Massen in Klöster ein. Das Kloster – ebenfalls eine Familie, auch wenn ein wenig anders aufgebaut – ist vergleichbar mit einer familiären Gemeinschaft. Der junge Mensch, der dort eintritt, ist noch nicht gefestigt, er hat noch keine Vorstellung von dem, was eine familiäre Hierarchie ist, was ein Älterer und Jüngerer in der Familie bedeutet und was Brüder und Schwestern für eine Rolle spielen. Er kann nicht in einer familiären Gemeinschaft leben, und sich somit nicht lange im Kloster halten. Er kann sich nirgendwo halten …

Eugenie: Es ist nicht die erste Generation, die ohne Familienstruktur aufgewachsen ist. Müssen Sie daher nicht über Werte der Familie sprechen. Paul: Bislang haben wir zumindest eine rechtlich anerkannte Institution der Familie, die durch den Staat geschützt wird und darüber hinaus durch unsere Gesellschaft erklären lässt, dass es bei uns eine Chance gibt, dass eine normale familiäre Lebensweise wieder neu entstehen kann. Wir haben zumindest die Form, mit der wir versuchen können, sie zu füllen und wieder herzustellen. Und hier können und müssen die Menschen eine besondere Rolle spielen, die zielbewusst den Weg der Familie gewählt haben. Diese Menschen, diese Familien sind es, auf denen, so glaube ich, die Hoffnung der heutigen Gesellschaft ruht.

Alle diese Dinge, für die wir jetzt auf der Ebene des Gesetzgebers kämpfen , sind in Bewegung geraten und versetzen den Überbleibseln, den Spuren eines familiären Aufbaus der Gesellschaft den Todesstoß, wodurch es praktisch unmöglich wird, normale menschliche Werte zu vermitteln.

Eugenie: Sie sprechen über …

Paul: Es geht um die Familie, eine dauerhafte Verbindung zwischen Mann und Frau für ein gemeinsames Leben: Geburt, Elternschaft, Kindererziehung sind schon in vielen Ländern nicht mehr als eine einzigartige, unersetzliche soziale Einrichtung anerkannt und haben keinen Anspruch auf besondere Unterstützung und Schutz durch die Gesellschaft.

Es gibt einen spürbar wachsenden Trend, das interne Leben der Familie „von oben“, durch den Staat zu kontrollieren. Eine beispiellose und absolut verheerende Steuerung. Wenn der Staat die Funktion des „Supervisor“ für das Familienleben und der Erziehung der Kinder übernimmt und in der Tat diese Funktion an sich reißt, so ist dies von Natur her völlig untypisch.

Dieser Standpunkt wird durch verschiedene fadenscheinige Vorwände, wie “ Kampf gegen Gewalt“ gerechtfertigt, löst aber in Wirklichkeit kein soziales Problem, sondern verschärft, zerstört nur die zugrunde liegende Struktur und den Organismus der Gesellschaft. Eine „Prävention von Gewalt“ – geht genauso vor sich wie die Heilung bei der Diathese, wo der Organismus zu bestimmten krankhaften Reaktionen [wie z.B. zu Blutungen] neigt.

Aus kultureller und anthropologischer Sicht ist dies eine Selbstzerstörung. Wenn dieser Trend nicht Halt macht, wird es zu einem völligen Zusammenbruch der gesamten Menschheit kommen.

Eugenie: Ist die Menschheit nicht bereits auf der Zielgeraden? Paul: Natürlich. In Bezug auf die Familie, ja; denn, was wir sehen, ist in der Tat auf der Bewertungsskala der Menschlichkeit – sozialer Selbstmord. Und wenn jemand die Chance hat, vor diesem Hintergrund zu überleben, dann nur Völker, die noch nicht in dem Maße vom Einfluss der „Zivilisation“ heimgesucht wurden, wie Araber, die muslimische Welt, Afrika. Damit Europa, Russland, die christliche Welt, in dieser Situation überleben kann, müssen wir genau hinschauen, was im Augenblick vor unseren Augen abläuft und ernsthaft überlegen, wie man viele von den Orientierungspunkten des Lebens zurückholt, die bereits als verloren gelten. Solange dies nicht geschieht, begehen wir Selbstmord auf der Leiter der Kultur insgesamt; denn danach wird alles Menschliche überhaupt unmöglich. Und um diesem Selbstmord zu entgehen, sind Anstrengungen eines Herkules notwendig. Wir müssen zurückzukehren zur Familie, dem Zentrum der Existenz einer Gesellschaft. Denn auch die Kirche, in ihrer konkreten geschichtlichen Gegenwart, kann als religiöse Gemeinschaft nicht ohne normale Familie auskommen. Eugenie: Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang, das Recht auf Hausgeburt, häusliche Erziehung und häusliche Schulausbildung?

Paul: Das ist sehr wichtig. Die Familie als Institution besteht von dem Zeitpunkt ab nicht mehr, wenn ihre natürlichen Grenzen – das Recht auf Geburt, auf Erziehung des Kindes – nicht mehr von der Gesellschaft anerkannt sind. Wenn eine Person kein Recht hat, wichtige Entscheidungen im Leben ihres Kindes zu treffen, fällt sie als Elternteil aus, und zwar aus der Mitte des Lebens des Kindes. Diese Funktion reißen dann einige „Experten“ an sich, der Staat usw. All dies führt zum Verschwinden der Eltern-Kind-Beziehungen als solche.

Eugenie: Aber um Entscheidungen zu treffen, die wichtig im Leben eines Kindes sind, müssen wir Verantwortung für das Ergebnis übernehmen. Und hier sind wir beim größten Problem angekommen. Der Punkt ist nicht, ob eine Hausgeburt erlaubt oder verboten ist. Grundsätzlich haben die Menschen Angst, Verantwortung zu übernehmen. Paul: Aber nicht alle fürchten Verantwortung. Es muss klar gestellt sein, dass wir es hier mit zwei Kulturen, zwei Arten von Kultur zu tun haben. Eine von ihnen bezeichne ich als Zivilisation der Sinnhaftigkeit, die andere als Zivilisation der Technik. Damit will ich nicht sagen, dass Technologie schlecht ist. Zivilisation schließt im Kern nicht Existenz und Entwicklung von Technologie aus. Ich habe nur angezeigt, wo die einzelnen Arten der Zivilisation ihren Schwerpunkt setzen.

Die Sinnhaftigkeit der Zivilisation beruht auf dem Prinzip einer ‚Wahrheit für alle‘, die man erkennen kann. Es gibt eine transzendentale Wahrheit, nach der sich ein Mensch auf seinem Lebensweg sehnt. Und je näher ich an ihr herankomme, um so mehr verstehe ich den Sinn meines eigenen Daseins. Denn der Sinn bleibt unverändert, die Erfahrung von Generationen ist hier als Regel wichtiger, als die Erfahrung der einzelnen Person, die immer wieder bei Null anfängt. Und je älter der Mensch wird, desto größer ist der bislang beschrittene Weg, (was der jüngere implizit anerkennt). Gerade auf diese Weise kennen und erkennen Jung und Alt die ‚Wahrheit für alle‘ in der Gesellschaft. Dies gibt den Eltern ein natürliches Recht, das Kind zu erziehen, auszubilden und diese Aufgabe als Verantwortung auf sich zu nehmen. Das Kind weiß, dass es Sinn und Zweck existieren, so dass Erziehung nicht eine Abfolge von Verboten und Anweisungen ist, sondern dass diese nach einem bestimmten Verfahren geplant und geleitet sind.

Aber wenn wir den transzendenten Sinn aus dieser Kette entfernen, was geschieht dann? Ein komplett sinnloses Handeln. Weder das Kind noch die Eltern wissen dann, wozu Erziehung eigentlich nötig ist. Daher kann die Familie nicht richtig ein Kind erziehen, solange sie nicht von einem Verständnis von Werten und von der Sinnhaftigkeit ihres Lebens geleitet wird.

In einer Zivilisation der Technik steht im Mittelpunkt die Fähigkeit, etwas zu tun und ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dies ist die Zivilisation eines materialistischen Pragmatismus, und alles andere an ihr ist leeres metaphysisches Geschwätz, dient bloß zur Unterhaltung. Dabei entwickeln sich die Fähigkeiten, „etwas“ zu tun so schnell, dass diese innerhalb einer Generation mehrmals ersetzt werden müssen. Daher können ältere Menschen den jungen nichts mehr vermitteln (das Wissen hat sich längst schon verändert) und sie machen die Erfahrung, dass niemand sie will, sie werden traurig und fallen langsam wegen der Sinnlosigkeit ihres Lebens in Depression.

Eugenie: Eine Zivilisation der Sinnhaftigkeit und eine Zivilisation der Technik sind derart verschieden von einer humanen Lebensauffassung, dass sie scheinbar in verschiedenen zeitlichen und räumlichen Dimensionen existieren.

Paul: Im Moment überkreuzen sie sich, insofern es einige Erscheinungsformen der Zivilisation und Menschen gibt, die auf diesem Weg gehen. Aber es gibt sicherlich unterschiedliche Konzepte der menschlichen Existenz, die untereinander grundverschieden sind. Sie haben sogar zum Aufbau verschiedener Wissenschaften beigetragen. In traditionellen Kulturen, gelten die religiösen und philosophischen Wissenschaften als höchste Wissenschaften, weil sie nach dem Sinn und der Bedeutung fragen, die die übrigen Wissenschaften verfolgen. Sogar beim Studium der Kerntechnik, muss ich verstehen, wozu sie gemacht wird. Philosophie war die Königin der Wissenschaft und Theologie – die Königin der Philosophie. Und es ist ganz normal, dass sie der Zivilisation einen natürlichen Sinn zu geben vermag.

Losgelöst vom Sinn verliert die Wissenschaft ihre ethische Komponente und wird eine rein utilitaristische. Das gilt übrigens in vollem Maße für die Medizin. Denn, wenn sie vom Utilitarismus geleitet wird, glaubt sie sich letztendlich zur Entscheidung berechtigt, wer leben und wer sterben darf (wenn es für ihr Wissen nützlich erscheint).

Gerade von daher kommt all das Gerede über Sterbehilfe. Und die nächste unausweichliche Schlussfolgerung ist, dass das Leben um jeden Preis aufrechterhalten werden muss, weil wir keinen anderen Grund angeben können. Wir leben, um zu leben.

Noch ein anderes Beispiel aus der Erziehung und aus dem Recht. Die Pflege des „Wissens „, untersucht rein pragmatisch das Recht und kommt unweigerlich zu dem Ergebnis entweder einer positiven Theorie des Rechts (“ Die Starken haben das Recht, solche Gesetze aufzustellen, die sie gerne möchten „) oder einer soziologischen Theorie des Rechts (“ Recht und Gesetz sind das Produkt eines Gesellschaftsvertrages, und wenn die Leute entscheiden, dass Homosexualität schlecht ist, können Homosexuelle auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, und wenn entschieden wird, dass Homosexualität gut ist, dann werden auf dem Scheiterhaufen diejenigen verbrannt, die die Homosexuellen verbrannt haben.“) Dieser Standpunkt schließt letztlich jegliche Art von Menschenrecht aus.

Eugenie: Nach meiner Erfahrung zu urteilen, ist die Sinnhaftigkeit der Zivilisation eng mit dem Glauben verbunden. Habe ich da recht? Paul: Die Frage ist, was wir unter ‚Glauben‘ verstehen. Die gesamte sowjetische Periode war starr von der Propaganda geleitet, dass Religion eine Reihe von Ideen ohne Beweise akzeptieren würde. Wir können sagen, dass diese Propaganda gewirkt hat. Viele haben beschlossen, dass die Rehabilitation von Religiosität einem Aufruf gleichkommt, “ den Verstand an den Nagel zu hängen“ , „alles“ für Wahrheit zu halten und an dieses „Etwas“ zu glauben. Damit erklärt sich im Grunde die Existenz von „Religion“ im Rahmen der Zivilisation der Technik.

Im Kern besteht die Sinnhaftigkeit der Zivilisation in einer umfassenden Anerkennung einiger wesentlicher Grundlagen und des Sinns aller Existenz durch den Menschen. Der Mensch kann sie verstehen und auf sie reagieren. Ich schaue auf die Welt, schaue auf mich in der Welt und erkenne die Wahrheit, komme mit ihr in Berührung und kann sie erfassen. Ich komme in Kontakt mit der Offenbarung Gottes, dem Wort Gottes, der Verkündigung der Kirche – und ich antworte darauf. Mein Glaube ist die Antwort auf die Wahrheit, die mir begegnet ist. Im allgemeinen ist der menschliche Glaube nicht ein willkürliches Annehmen eines Systems von Ansichten, sondern die persönliche Antwort auf eine persönliche Erfahrung.

Insofern der Mensch ein soziales Wesen ist, findet seine persönliche Antwort Ausdruck in der Gesellschaft und in der menschlichen Gemeinschaft. Daher erscheint Religion normalerweise als ein Phänomen der Gemeinschaft. Und diese allgemeine Überzeugung, diese allgemeine Reaktion auf die Erfahrung der Begegnung mit der Wahrheit durchdringt alle Aspekte des Lebens der Gesellschaft, der Gemeinschaft.

Übrigens ist der Wert und die Unantastbarkeit der Familie von allen traditionellen Kulturen anerkannt, das heißt, der Wert der Familie ist offensichtlich so sehr eine allgemeine menschliche Wahrheit, dass es gegen allen gesunden Menschenverstand wäre, diese unter normalen Umständen in Zweifel zu ziehen. Ich glaube, dass damit eine Menge über die aktuelle Situation und über den Grad des gesunden Menschenverstands derer ausgesagt ist, die gewisse Entscheidungen treffen und die Idee der staatlichen Kontrolle über das Familienleben beschleunigen wollen.

Sicherlich können traditionelle Kulturen untereinander nicht in dem übereinstimmen, was Wahrheit ist. Das ist ganz normal.

Nicht normal dagegen sind heute die „Allesfresser“, der Volksglaube, dass „jeder seine eigene Wahrheit hat“ und dass jeder glauben kann, was er gern möchte“; im Kern verbergen sich diese Überzeugungen unter der würdigen Maske der Gleichwertigkeit aller Menschen untereinander und ihrer Einstellung zur Wahrheit. Ich bin Christ und davon überzeugt, dass der christliche Glaube wahr ist, sonst würde ich ihm nicht angehören. Außerdem bin ich Katholik und glaube fest an die Wahrheit der Lehre der katholischen Kirche. Neben mir kann jemand anderer Meinung sein, und wir können (und werden) mit so manchen nicht einer Meinung sein.

Trotzdem sind sich alle traditionellen Kulturen in einer Sache einig – sie glauben, dass die Welt auf etwas Wahrem aufgebaut ist und, dass die Person dies irgendwie erkennen kann. Auf dieser Grundlage könnten Andersdenkende und sogar feindlich sich gegenüber stehende traditionelle Kulturen miteinander in Dialog treten. Wir haben vielleicht unterschiedliche Meinungen, aber jeder erkennt an, dass es eine Wahrheit gibt, der man ehrlich zu folgen versucht und zwar auf der Grundlage des gegenseitigen Respektes.

In einer Zivilisation der Technik, in der jeder Mensch sich seine Weltsicht zurechtlegt, die für ihn momentan vorteilhaft ist, um seine Wissensziele zu erreichen, kann es keinen Dialog geben, weil keine gemeinsame Basis vorhanden ist. Sobald wir uns auf technologische Aktivitäten beschränken, verlieren wir die Möglichkeit, gemeinsam zu handeln und in irgendwelche menschliche Wechselwirkung zu treten. Weil die Menschen für den anderen nur Rohstoff für technologische Experimente sind. Verliert man aber einen Verhaltenskodex, ethische Richtlinien, beginnt jeder Mensch sich selbst als Quelle, Krone und Vollendung des Universums zu begreifen . „Die Welt ist mit mir entstanden und wird auch mit mir untergehen, und solange ich lebe, ist nur entscheidend, was ich möchte.“

Trotz eines hohen Anspruchs, ist dies das Niveau eines fünfjährigen Kindes , das besessen von der Idee ist, Bonbons zu erhalten, und alles andere für uninteressant hält. Und was noch noch schlimmer ist, das fünfjährige Kind liebt Süßigkeiten mehr als Mama und Papa.

Der Mensch verliert die Fähigkeit, kritisch zu sich selbst zu sein, und er sieht die Welt nur durch das Prisma seiner eigenen Wünsche. Ich beobachte dieses Phänomen. Es gibt Menschen, die verlernen zu lesen. Oder überfliegen einen Text nur, was nichts mit dem zu tun hat, was geschrieben steht. Dies sieht man sehr krass z.B. Beispiel im Internet, bei verschiedenen Debatten und Streitgesprächen. Die Masse der Menschen lebt von irgendwelchen bruchstückhaften Überzeugungen, emotional eher von deren Splittern.

Eugenie: Aus meiner Sicht geschieht dies meist nicht aus Überzeugung, sondern aus bloßem Gefühl.

Paul: Überzeugungen müssen ganzheitlich, systemkonform und auf etwas begründet sein, diese aber nur ein paar Fetzen von Emotionen sind , die der Mensch für seine eigene Meinung hält. Eine eigene Meinung sollte man dies aber nicht nennen, denn der Mensch hat sie ja nicht ausgewählt. Das Prinzip „gefällt mir – gefällt mir nicht“ – ist keine Wahl. Wir bestimmen die physiologische Reaktion „warm-kalt“ nicht durch Wahl. Eine Wahl kann die Person in eine Lage bringen, wo es ihr vielleicht „kalt“ wird.

Eugenie: Für unsere Zeitgenossen ist es viel schwieriger, auf den echten Pfad der Persönlichkeit zu kommen. Deshalb stützt sich die traditionelle Kultur der Menschen auf die Erfahrung von Generationen … Paul: … und aus dem Umfeld, das daraus erwächst. Bis zum Erwachsenwerden eines Menschen, kann man sich auf nichts stützen. Wir müssen selbst den Weg der Bildung einschlagen, der Initiation, d. h. des Übergang von einem Stadium der Reife zum anderen, den Weg der für sich entdeckten Sinnhaftigkeit und der Erfahrung vergangener Generationen, den Weg der Vertrautheit mit der Erfahrung und diese als unsere eigene annehmen.

Eugenie: Was für eine Aufgabe! Und das Leben wird zu Ende gehen…

Paul: Wissen Sie, am Ende des Lebens haben wir Zeit, um alles zu tun. Und das ist keine schlechte Aussicht! Wir sind unseren eigenen Weg gegangen, d. h. wir übergeben diese Erfahrungen weiter. Leider geschieht dies nicht automatisch. In der Welt um uns herum , wo wir so oft von den Gedanken der Zivilisation und der Technik angeschlagen und verletzt wurden, können wir sagen, ist eine saure Umgebung entstanden, die uns Menschen verätzt und zu zerstören versucht.

Es erfordert eine enorme Aufgabe, ständige Arbeit, dauernde Anstrengung, die nie von selbst gelöst wird, bis ein erwachsener Mensch entstanden ist ( nicht durch ein Elternteil, einen Erzieher, sondern einfach durch einen Menschen).

Eugenie: War es zum Beispiel vor fünf Jahrhunderten einfacher, Mensch zu sein?

Paul: In gewisser Weise, ja. Die Umwelt unterstützte ihn in hohem Maße. In dieser Hinsicht war mir das alte und berüchtigte Mittelalter näher. Trotz aller Grausamkeit der Sitten, fühlten sich die Menschen wohl und wussten, Gutes zu tun. Und solche, welche Schurken waren, wussten, dass sie Schurkerei betrieben. Eugenie: Aber wie und wo sind wir vom Weg abgekommen? Denn logischerweise müssten die Fortschritte die Menschen uns menschlicher machen. Paul: Ich glaube, dass es an einem gewissen Punkt in der Entwicklung der europäischen Zivilisation, einen sehr gefährlichen Knick gegeben hat. Nämlich als wir von der hohen Scholastik zur rationalistischen Philosophie übergingen. Von der Philosophie des Thomas von Aquin zur Philosophie von Ockham. In beiden Auffassungen besteht ein grundlegend verschiedenes Verständnis von Freiheit.

Nach Thomas von Aquin sowie den heiligen Vätern der Antike, ist es die Natur, aus der Gott alle Kreatur geschaffen hat. Die Natur des Steins, die Natur der Tiere, die Natur des Menschen. Und Freiheit ist, die Fähigkeit im Einklang mit meiner Natur zu handeln, die mir von Gott gegeben wurde (und nicht „wohin ich möchte, dahin fliege ich“, und generell tue ich alles ohne Einschränkungen). Außerdem verfälscht das Böse die wahre Natur und schränkt damit die Freiheit ein. So ist Freiheit dort, wo nichts, einschließlich des Bösen und der Sünde, mich hindert, in Übereinstimmung mit meiner wahren Natur zu handeln, auf Gott zuzugehen.

Was ist Freiheit bei Ockham? Freiheit – ist die völlige Nicht-Bestimmung. Dies ist eine Situation, wo ich mich als ein materieller Punkt in jede Richtung bewegen kann und nichts mich hindert. Wenn man darüber nachdenkt, ist die Freiheit der heiligen Väter und von Thomas – eine gezielte Freiheit; die Freiheit von Ockham – ist ein Chaos. Diese Situation der Bewegung, wenn nichts und niemand uns einschränken kann, ist absolut unberechenbar.

Eugenie: Schon auf den ersten Blick ist die Freiheit bei Thomas – eine Bewegung zu Gott, die Freiheit bei Ockham – eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung.

Paul: Welche Theologie vertrat Ockham? Und warum führte diese zu sehr ernsten Konsequenzen für das religiöse Denken und sogar zu einer Krise des religiösen Bewusstseins? Nach Ockham, kann Gott nur frei sein, wenn Gott absolut alles tun kann. Und das Gute wird nur gut sein (und das Böse wird böse ), weil Er es so entschieden hat. Man könnte entscheiden, dass Böses gut ist. Und wir, insofern wir von Gott begrenzt sind, müssten ihm gehorchen. In der Tat, ist Er der Große, und wir sind die Kleinen.

Dies ist eine direkte Folge der Ockhamschen Philosophie in der Theologie. Und es führt uns zu einer Situation, wo wir dem Zwang ausgesetzt sind und nicht mehr den Sinn und die Wahrheit erkennen. Nehmen wir eine Situation in der Familie. Wenn ein Kind gezwungen wird, etwas zu tun, kann es sich widersetzen, aber es ist ein rein äußerlicher Widerstand, weil es im Innern überzeugt ist, dass „Vater recht.“ hat. Aber wenn wir gezwungen sind, ohne tiefes Verständnis der inneren Wahrheit zu gehorchen, entsteht ein Aufruhr in der menschlichen Natur.

Überträgt man diesen Begriff von Freiheit, auf eine Freiheit zwischenmenschlicher Beziehungen, wird die Freiheit als Situation verstanden, wo uns nichts mehr bindet …

Eugenie: Keine Ehe, keine Verpflichtung, keine Verantwortung … Paul: Das ist die praktische Anwendung der Ockhamschen Ethik und Psychologie.

Damit verbunden ist die Idee der „grenzenlosen Freiheit“ und folglich das Fehlen von zwischenmenschlichen Beziehungen; der Mensch verfällt einem totalitären Liberalismus, der in vielen Ländern der westlichen Kultur zu dominieren beginnt. Erklärt man völlige Freiheit von allem, dann ist eine Person völlig versklavt. Der Mensch wird Sklave seiner eigenen Impulse, die nicht er bestimmt, sondern diejenigen, die die Impulse verwalten. Und eine Eigenschaft hört auf, ein Wert sein, insofern er mit dem „veralteten“ Begriff von Freiheit verstanden wird..

Eugenie: Auf was kann man noch Hoffnung setzen? Auf die Arche Noah? Paul: Man muss hoffen, dass die Freiheit sich selber durchsetzt, trotz falscher Vorstellungen von Freiheit, die im Widerspruch zur menschlichen Natur stehen. In diesem Sinne wird alles, was um uns herum geschieht, zu einem Monster auf tönernen Füßen, weil es in den Tiefen der menschlichen Natur immer Dinge gibt, die Widerstand leisten.

Aber es ist theoretisch möglich, dass die Verzerrung schon unumkehrbar ist. Dann bleibt nur der «Nördliche Mut» von Tolkien übrig, selbst wenn wir Menschen sterben. Denn wenn man sowieso sterben muss, warum soll man dann die eigene Natur ändern?

Einmal allen Spaß beiseite, ich hoffe als Christ auf die Weisheit und Gnade Gottes, die in uns wirkt und uns hilft, auch wenn scheinbar alles verloren ist. Wir hoffen immer, dass mit der Hilfe Gottes die menschliche Natur sich aus ihrer Unterjochung befreit. Sie findet einen Weg heraus wie die Pflanze sich den Weg durch den Asphalt bahnt.

 

Quelle: http://naturalbirth.ru/public/civilization.php

Dank gilt Eugenie Lomonossova und Paul Parfentyev

Aus dem Russischen ins Deutsche von Richard Stark

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