Viktor Radziminski-Frackiewicz, Kaplan (1873-1883)

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Liebe Freunde!

Ich beeile mich, Ihnen unsere Freude mitzuteilen, dass es uns geglückt ist, Informationen über den Kaplan (1873-1883). unserer Kirche zu erhalten.

Über diesen Priester, der zu der Friedhofskapelle (spätere Kirche) einen Kapellenturm (später Glockenturm genannt) bauen ließ, schrieb Alexander Benois in seinen Memoiren: « Der Katholische Friedhof, zu deren Kirche sein Vater in diesem Jahr den Bau eines Glockenturm begann, lag zwei oder drei Meilen von Kushelevka [Datscha] entfernt — nahe beim Finnischen Bahnhof.

Die Kirche selbst war sehr einfach, aber elegant und wurde von meinem Vater in den fünfziger Jahren im romanischen Stil erbaut. Das Erdgeschoss verfügte über Gewölbe, und dort, in der westlichen Ecke befand sich unsere Familiengruft, wo unter Platten die bereits in der Kindheit verstorbene Schwester Louise und unser Bruder Ischa begraben liegen.

Aus diesem Grund war unsere Familie besonders mit dieser Kirche verbunden und darüber hinaus, wurde sie nun zu unserer Pfarrkirche, nachdem sich mein Schwager Eduard auf der Wyborger Seite angesiedelt hatte; er war ein eifriger Katholik und versäumte keinen Sonntag, um manchmal mit der ganzen Familie zur Messe zu gehen. Die ehemalige Fassade ohne Glockenturm, das man muss zugeben, wirkte im Ganzen abgerundeter und harmonischer; sie sah wie eine Kirche aus und war von Papa entworfen worden.

Aber wegen vorhandener Finanzmittel und des Ehrgeizes der polnischen Kolonie wurde der Entschluss gefasst, einen Glockenturm anzusetzen, um die Kirche mehr aus dem umgebenden Gelände hervorstechen zu lassen; dieser Entwurf stammte auch von Papa und sah vor, den Haupteingang zur Kirche in den Turm zu verlegen.

Es scheint, dass im Jahr 1877 die Arbeiten zum Bau des Glockenturms noch nicht begonnen hatten und die Fundamente erst im Frühjahr 1878 gelegt wurden; auf jedem Fall war Papa mit dem Projekt beschäftigt und fuhr oft zum Friedhof, um mit dem örtlichen Pfarrer, dem Priester Frantsiskevich zu verhandeln. Der polnische Priester kam oft zu uns auf die Datscha und das alles hat unserem Aufenthalt in Kushelevka einen Hauch von „Klerikalem“ gegeben.

Ich habe in der Regel eine fromme Zuneigung für geistliche Personen, aber anderen gegenüber, besonders vor den polnischen Dominikanern von St. Katharina fürchtete ich mich ein wenig, um so mehr, weil Papa sich manchmal (in der Eigenschaft als Syndikus [Vorsitzender -. Anm. St.St.] von St. Katharina, wo er in ständigem Kontakt mit ihnen war ) in heiklen Fällen ein wenig stritt über jede Art von Verstellung und Falschheit.

Nun ich verehrte Pater Frantsiskevich von ganzem Herzen, und es schien, das gleiche galt von seiner Seite. Leider hat diese „Freundschaft“ nicht lange gehalten: Die Oberen hielten diesen harmlosen und charmanten Mann wegen seiner Beliebtheit für gefährlich, und schickten ihn in eine weit entfernte sibirische Diözese [zum Glück basieren alle Vermutungen von A. Benois über dergleichen Schwierigkeiten im Leben eines Priesters auf Unwissen (siehe unten); denn von sibirischen katholischen Diözesen gab es damals Zeit keine, nicht einmal die geringste Spur (dies nur nebenbei gesagt) — Anm. St.St.].

Es geschah aber etwas später, in der Zeit, als der Glockenturms (1878-1879) gebaut wurde, dass Pater Frantsiskevich unabkömmlich in St. Petersburg wurde; er lebte mit einem alten Mütterchen in einem hölzernen, schwarz gestrichenem Haus, dass an der Pforte gleich am Friedhofs Zaun.stand.

Ich wiederhole noch einmal, dass ich mich diesem guten Pater sehr verbunden fühlte und sogar Papa, der ein sehr feines Gespür besaß, Leute zu beurteilen, betrachtete ihn als einen außergewöhnlich reinen und edlen Menschen.

Allerdings kann man nicht sagen, dass der Pater vom Äußeren her leicht Menschen für sich gewinnen konnte, besonders jene, die im allgemeinen skeptisch gegenüber einem katholischen Kleriker eingestellt waren. In seiner äußeren Erscheinung war er der „echte“ und dazu komödiantische „Typ eines Jesuiten“ – und zwar derart komödiantisch, dass ich als kleiner Knirps mir vornahm, bei aller meiner Vergötterung für Frantsiskevich, seine Gewohnheiten nachzuahmen; meine Eltern wollten aber solche Dreistigkeit allgemein nicht noch fördern, und beließen es in diesem Fall dabei, sich über meine Nachahmungen gutmütig zu amüsieren. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meiner allerherzlichsten Mutter vor Lachen Tränen in die Augen kamen über die komischen Anstalten, mit denen Frantsiskevich jede Speise ablehnte und es dann doch vorkam, dass er einen unerwarteten Appetit an den Tag legte. Wahrscheinlich hatte der arme Kerl zu Hause kein süßes Leben. Aber die Art und Weise des Sprechens des Paters, vor allem seine spezifischen französischen und russischen Ausdrücke habe ich liebend gern übernommen.

In unserem Haus konnte niemand Polnisch verstehen und es kam vor, dass er auf diesen für ihn fremden Dialekt zurückgriff, den er bei weitem nicht gut beherrschte. All dies war sehr seltsam und hätte durchaus nützlich sein können für einen Schauspieler in der Rolle des Don Basilio im «Barbier von Sevilla», wobei auf der Bühne die Art des Auftretens von Frantsiskevich in einer übertriebenen Karikatur dargestellt würden.

Das merkwürdigste an Pater Frantsiskevich war sein Gang, und insbesondere seine Art, einen Raum zu betreten. Andere uns bekannte Patres hatten eine mehr „vornehme“ und fast ehrwürdige Art vor ihren Gemeindemitgliedern „aufzutreten“, ihre Haltung brachte zum Ausdruck, dass sie als Stellvertreter Gottes dem einfachen Sterblichen Ehre antun, wenn sie aus christlichem Anstand ihre Hand ausstreckten, damit sie geküsst werden, womit sie der Person einen leichten Hauch von Demut einflößten.

Ganz das Gegenteil, wenn P. Frantsiskevich in der Tür erschien, er verbeugte sich zwei, dreimal in verschiedene Richtungen, wobei er seine Hände bis zum Kopf erhob und seine Handflächen nach außen öffnete, die eine Bewegung machten, was soviel bedeutete wie „nicht würdig“, „zu viel Ehre“, „bitte verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit.“

Wenn er schon ein älterer Mann gewesen wäre, würde alles Drum und Dran einen anderen Charakter haben, aber Pater Frantsiskevich war nur wenig älter als dreißig Jahre; sein Gesicht war jung, immer sorgfältig rasiert und nur seine graublauen Wangen (betonten zusammen mit einer Blässe irgendwie seine asketische Erscheinung).

Er war von überdurchschnittlicher Größe, sehr dünn, und er wirkte noch dünner durch seine lange, eng anliegende schwarze Soutane. Diese „Art von Jesuit aus der komischen Oper“ war in der Tat eine äußerst selbstlose, edle, sympathische Person und seine Güte engelgleich. Und selbst in dieser äußeren Erscheinung glänzte und überzeugte dieser Serafim von Frantsiskevich.

Besonders strahlte er aus, wenn er die Heilige Messe feierte, was er ohne geheucheltem Gesichtsausdruck tat, ganz schlicht und einfach, sehr eindrucksvoll und irgendwie doch gehaltvoll schwer. Sichtlich war er in diesen Momenten ganz von einer tiefen religiösen Hingegebenheit ergriffen und führte den Ritus nicht als bloße Formsache aus, sondern war jedes Mal verzückt von einem lebendigen Gefühl der Ergriffenheit.

Und dann hätten Sie sehen sollen, wie Pater Frantsiskevich mit Armen sprach; fast reagierte er weinend auf ihre Klagen, und entschuldigte sich, wenn er ihnen nicht in dem gewünschten Maß helfen konnte.

Für die Unterstützung von armen Menschen und wie viele er auch von ihnen empfing, gab er fast sein gesamtes Einkommen aus (und er erhielt gar nicht einmal ein so schlechtes, „ein sicheres Einkommen von Toten „), teilte er den größten Teil sofort wieder aus, und ging dann, wie man so sagt, oft tagelang betteln.

Ich erinnere mich genau an Pater Frantsiskevich als er zu uns auf die Datscha nach Kushelevka kam und ich an seiner Seite ging, da kam er auf der Allee ganz plötzlich in Bewegung. Während er so dahinschritt, packte ihn der Wind, er kämpfte gleichsam gegen ihn an, wobei sein geflügelter langer Mantel in alle Richtungen flog, obwohl ruhiges Wetter war.

Und kaum zu glauben, er beschäftigte sich mit dem «Sohn des hochverehrten Herrn Professors», Frösche im Gras zu fangen oder mit irgendwelchen Krakeleien am Gartenweg, wie es jetzt allgemein üblich ist, und beginnt mit seinem vollen Ritual des Grüßens, die Hände gebeugt und hoch erhoben.

Es erschwerte meinen Versuch, im Fluge seine Hand zu erreichen, sich seiner zu bemächtigen und sie an mich zu drücken. Dabei sprach er immer wieder etwas unglaublich Zärtliches und Freundliches, aber leider unverständlich, weil es auf Polnisch war.

Als Mama es ebenfalls bemerkte, wiederholte er mit neuem Eifer die gleiche Zeremonie, und sagte irgendwann im französischen Jargon eine hochtrabende Begrüßung, und vollführte schließlich vor Papa einen wahren Veitstanz.

Doch sobald zwischen ihm und Papa ein Arbeitsgespräch begann, war der Pater ganz natürlich und sehr ernst. Papa hat nie Pater Frantsiskevich hinter seinem Rücken kritisiert, keine Heimtücke, Intrige oder irgendwelche hassenswerten Affäre ihm gegenüber. Frantsiskevich war ein sehr gebildeter Mensch, er kannte sowohl die theologische wie auch die weltliche Literatur und besaß ebenfalls gute Kenntnisse in Kunstgeschichte, was in jener Zeit eher selten war.

Es ist durchaus möglich, dass diese außergewöhnlichen Gaben seinen Neidern den Anlass gegeben haben, ihm irgendeine Verleumdung anzuhängen, die zu seiner Entfernung aus der Hauptstadt führte, in die tiefste Provinz

(A. N. Benois, Leben eines Künstlers, Teil. 2 – insofern bereits einige Publikationen vorhanden sind, geben wir hier einen Link zur Veröffentlichung der Bücher im Internet: http://www.gorod-spb.ru/jiznhodojnika.html).

Bis vor kurzem konnte in zeitgenössigen Publikationen das Schicksal des Kaplans Frantsiskevich (A. Benois: versehentlich wurde der Name des Priesters entstellt) nicht zurückverfolgt werden. Und siehe, plötzlich passierte es mir – ganz zufällig, fast nebenbei , dass ich auf einen Artikel stieß, der von seiner Ernennung durch den Apostolischen Administrator der römisch-katholischen Diözese von Wilna in der polnischen Zeitschrift Tygodnik Ilustrowany (№ 38 von 1902, S. 53).handelte. Da mich die Persönlichkeit von „Pater Frantsiskevich“ seit langem interessierte, vor allem auf Grund von A. Benois und dessen Einschätzung. erlaube ich mir hier in voller Länge die Übersetzung der Anmerkung wiederzugeben:

wie folgt:

Pater Viktor Radziminsky-Frantsiskevich , Kanonikus

Pater Viktor Radziminsky-Frantsiskevich , Kanonikus

Der Kanonikus von Wilna, Viktor Frantsiskevich , wurde am 20. März im Auftrag Seiner Heiligkeit Papst Leo XIII, durch den Metropoliten Boleslav Klopotovskij auf den Stuhl eines Apostolischen Administrator der Diözese von Wilna ernannt, um Bischof Stephen Zverovich zu ersetzen [seit 9 Monaten im Exil in Tver -St.St.].Die riesige Diözese von Wilna (1,5 Millionen Gläubige leben in 23 Gemeinden des riesigen Dekanates von Wilna und in der Provinz von Grodno), erfordert eine große Anstrengung und Verantwortung.

Überall zutiefst respektiert, außerordentlich bedacht auf das Wohl der Kirche, überaus feinfühlig ist Pater Kanonikus Frantsiskevich würdig, diese Aufgabe zu übernehmen und zieht damit noch mehr Sympathie auf sich. Es genügt zu sagen, um dies zu verstehen, welche harte Arbeit er im Augenblick versieht, unter anderem als Pfarrer von Ostra Brama.

Victor Radziminsky-Frantsiskevich, der das Recht hat, das Wappen der Borodich zu tragen, wurde am 18. November 1835 in der Familie Vikentiya und Viktor geboren , in Skarzhinskiy im Landkreis Zavileyskom, in der Provinz Vilnius: sein Großvater Antonius, war Höfling [franz. kamarling, so wie der deutsche „Kammerherr“ — Anm..St.St.] Seiner Majestät, des Königs Stanislaw August. Im Jahr 1855 schloss Victor Frantsiskevich sein Studium an der Hochschule von Minsk ab und trat im selben Jahr in das Priesterseminar ein. Zwei Jahre später wurde er nach St. Petersburg auf die römisch-katholische Theologische Akademie geschickt, wo er im Jahr 1861 mit einem Master in Theologie abschloss. Nach seiner Priesterweihe kehrte er in seine Diözese zurück und wurde Vikar in der Pfarrei des Hl. Johannes in Wilna.

Im Jahr 1863 ernannte Bischof Adam Stanislaw Krasinski zu seinem Kaplan; und in dieser Position blieb er [o.Frantskevich] 10 Jahre. Im Jahr 1873 wurde er nach St. Petersburg berufen, wo er 10 Jahre lang auf dem katholischen Friedhof seinen Dienst versah.

Im Jahre 1883 entließ Seine Exzellenz Bischof Charles Grinevitsky (heute – Erzbischof in partibus infidelium [so wurden damals die Titularbischöfe benannt, Anm.St.St.] den Kanonikus des Lemberger Stuhl) aus seinen Dienst in Wilna und ernannte ihn zum Pfarrer der Kirche Ostra Brama, die der Kanonikus 19 Jahre betreute; er verwaltete sorgfältig die Kirche und Kapelle mit dem wunderschönen Ikone der Brama Gottesmuuter, damit sie so wohl bestens erhalten blieb (die Kirche des ehemaligen Klosters der barfüßigen Karmeliten war eine Stiftung des Subkanzlers Stephan Paza; die Ikone aus dem XVI. Jahrhunderts, typisch katholisch, den Meistern der italienischen Kunst nachgeahmt). Seit 1901 ist der Priester Frantsiskevich – «amtlicher» Kanoniker [dh — man kann sagen: Mitglied des Kapitels (Rat des Bischofs), im Gegensatz zu dem ehrenamtlichen Kanoniker – Anm. St.St.] des Kapitels von Wilna , seit 1897 – Kammerherr des Gerichts Seiner Päpstlichen Heiligkeit .

Grab des Kanonikers Viktor Radziminskij- Frantsiskevich, auf dem Rossa Friedhof in Wilna (Vilnius/Litauen):

http://www.nieobecni.com.pl/index.php?s=grob&id=4817

(Anm.: Beachten Sie, das Geburtsdatum vom Priester Frantsiskevich, das auf dem Grab eingeprägt ist, unterscheidet sich um fast ein Jahr von dem in dem Artikel angegebenen).

Übersetzung aus dem Russischen von Richard Stark

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