Oase für die Seele

17:48 | Von | Kategorie: Aktuelle Neuigkeiten

Oase für die Seele

 Kampf um die Wiederauferstehung einer untergegangenen Pfarrgemeinde in St. Petersburg

Seit 14 Jahren ringt der Steyler Missionar Pater Richard Stark um die frühere katholische Pfarrkirche Mariä Heimsuchung im russischen St. Petersburg. Enteignet durch die Kommunisten soll inmitten eines Industriegebiets eine Wallfahrtsstätte und ein Ort caritativer Nächstenliebe entstehen.

Bis heute markiert die monumentale Lenin-Statue einen Scheidepunkt. Die pastellfarbenen Fassaden des nordischen Barock und des Klassizismus im Stadtzentrum weichen dem Grau der Industriestadt auf der Wyborger Seite. Während die zentrale Prachtstraße, der Newskij Prospekt, in wenigen Jahren das kommunistische Einerlei abgestreift hat, scheint hier die Zeit still zu stehen. Statt luxuriöser Geschäfte säumen nun Mauern aus Betonfertigteilen die einsamen Asphaltpisten, um die Sicht auf die ehemaligen Musterbetriebe der Schwerindustrie, Forschungsinstitute und ein Frauengefängnis zu versperren. Um so unerwarteter taucht dort, wo die Straße „ Mineralnaja Uliza“ in die schnurgerade verlaufende, endlos wirkende „Arsenalnaja Uliza“ mündet, hinter der Mauer ein von Zacken gekrönter Turm auf. „Die Spitze des Glockenturms haben die Kommunisten irgendwann gekappt“, erzählt Richard Stark. „Die wussten mit ihm nichts anzufangen.“ Noch 1918 war das anders. Auf einem Schwarz-weiß-Bild des deutschstämmigen Zaren-Photographen Karl Bulla ist eine Menschenmenge mit Fahnen zu sehen, die sich vor der Kirche drängt. Damals begrüßten die Turmglocken eine prunkvolle Fronleichnamsprozession, die die Gläubigen der aller Pfarreien quer durch die Stadt Peter des Großen bis an den Stadtrand geführt hat. „ Die Kommunisten wussten wohl gar nicht, was sie da zugelassen haben“, vermutet Stark. Nach der Februarrevolution hatten die Katholiken erstmals in der russischen Geschichte das Recht auf freie Ausübung ihres Glaubens erlangt. Umso selbstbewusster demonstrierten sie ihren Glauben. Doch wenig später beginnt ein 20 jähriger schikanöser Kampf der im Oktober an die Macht gelangten Bolschewiken gegen die Pfarrgemeinde: Im Juli 1920 beschlagnahmen Milizen hundert im Kellergewölbe für den Transport ins Ausland bereitgestellte Särge, einige Särge werden geleert, Gräber geschändet. Im gleichen Jahr stürmen Bewaffnete die Mutterkirche Sankt Katharina am Newskij Prospekt, wenig später geht sie in Flammen auf, es folgen Haftstrafen und Todesurteile gegen Kleriker wegen „konterrevolutionärer Umtriebe“ Die sakralen Gegenstände kommen später in die zum Atheismus-Museum umgewidmete Kasaner Kathedrale. Von ehemals 68 Kirchen und Andachtsstätten für rund 70000 Katholiken im Oktober 1917, damals knapp vier Prozent der Bevölkerung, übersteht bis zur Wende allein die französische Diplomatenkirche der Allerheiligsten Gottesmutter von Lourdes den Terror.

Noch immer ragen an manchen Stellen Starkstromleitungen und Eisenteile aus den Wänden, ein Anlieferungstor für Lkws, willkürlich eingezogene Zwischendecken und Wände und die zugemauerten Fenster haben dem Kirchenraum sein Wesen genommen. An der Stelle des Altars waren Toiletten installiert. Die Abwässer wurden in die Krypta entsorgt. Ihr gilt die besondere Sorge des 73-Jährigen. Die Erinnerung an den Anblick, als er sie das erste Mal betreten hat, erschüttert Stark noch heute: „Der ganze Keller stand unter Wasser, die Gräber waren aufgebrochen und geplündert.“ Obwohl er aus ihr in dreimonatiger Knochenarbeit gemeinsam mit seinem Kaplan 200 Tonnen Schutt entfernt, hängt noch immer ein muffiger Geruch in der sorgfältig mit Backstein gemauerten Rundbogenkrypta. Weder die Abwasserdrainage noch das gemauerte Lüftungssystem funktionieren. Als bereits das Ende der Sowjetunion abzusehen war, hatte sich 1983 in dem Gotteshaus in einem verzweifelten Versuch, dem sicheren Untergang durch technischen Fortschritt zu entkommen, eine Abteilung des Instituts für chemische Bodenverbesserung eingerichtet, um elektrohydraulische Forschungen zu betreiben. Photographien der riesigen Maschinen, die mit Millionen Volt Spannung Steine zertrümmerten, erinnern unwillkürlich an Fritz Langs filmische Untergangprophetie „Metropolis“ von 1927, wo ein skrupelloser Erfinder im Schatten moderner Wolkenkratzer in einem windschiefen, mittelalterlichen Haus einen Maschinenmenschen erschafft.

 

 

 

 

 

 

 

Direkt an die Kirche Mariä Heimsuchung grenzen bis heute Lagerhallen und Industriebetriebe. Doch keines der Unternehmen hält sich längere Zeit. „Da liegt kein Segen drauf“, lautet Richard Starks eigenwillige, aber ernst gemeinte Erklärung. Entstanden sind die Gebäude in den 1970er Jahren. Noch heute ruhen unter ihnen 40000 Tote, die auf dem 1856 gegründeten, ersten Friedhof der Petersburger Katholiken beigesetzt wurden. Von der einstmals stattlichen Nekropole hat nur ein einziges Grabdenkmal die Verwüstungen in den Revolutionsjahren und die spätere Umwandlung zu einem Industriegebiet überstanden. Vertreter des hohen Klerus und des Adels, Generäle und Gelehrte, Schauspieler, Komponisten und Künstler fanden wie Puschkins Duellsekundant Konstantin Danzas oder die im zarten Alter von 29 Jahren verstorbene Opernsängerin Angiolina Bosio auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Immerhin hatten die ansonsten wenig zimperlichen Kommunisten mit der rasch verblühten Künstlerin ein Einsehen. Das Grabmal mit der Inschrift „Vielleicht hat im Chor der Engel noch ein Platz gefehlt“ ist noch heute auf einem der Friedhöfe des Petersburger Alexander-Newski-Klosters als „Denkmal“ für 200 Rubel zu besichtigen,

Noch immer ist die Kirche weder an das Strom- noch an das Kanal-und Wassernetz angeschlossen: „Die Pläne sind fertig, das Geld ist da, ich warte nur noch darauf, dass es endlich losgehen kann“, sagt Richard Stark. Was bislang gefehlt hat, wer der Wille der Stadtverwaltung, das Projekt zu genehmigen. Briefe an diese Adresse bleiben oft monatelang liegen oder ganz unbeantwortet. Zuletzt hat zudem der Bürgermeister gewechselt. Auf Walentina Matwijenko, zu Sowjet-Zeiten eine Partei-Funktionärin, die nach einer Reihe von Korruptionsaffären ihre Bürger nicht mehr ausreichend im Griff hatte, ist wieder ein „Putin-Mann“ gefolgt.

So ist die Gemeinde auch im letzten Winter wieder in die notdürftig eingerichtete Winterkapelle gezogen, die ein Böllerofen beheizt und in der ein elektrischer Samowar steht. Der Strom kommt vom Nachbarn, nicht von der Stadt: „Die berechnen nach Kubikmeter statt nach Verbrauch ab, das ist doch Irrsinn bei einer Kirche“. Dabei drängt die Zeit denn hat die Pfarrgemeinde für das Gelände nicht binnen zehn Jahren eine Nutzung gefunden, so fällt es wieder an die Stadt zurück, die es dann lukrativ weiter verkaufen darf. Von einer Kirchengemeinde dagegen ist kein Geld zu erwarten: „Es gibt viele, die schon jetzt wie die Geier auf unser Gelände lauern“. sagt Richard Stark. So gehöre ein in den 1980er Jahren errichtetes, langgestrecktes, fünfstöckiges Gebäude mit nochmals 8000 Quadratmetern Grundstücksfläche einer der reichsten Firmen des Landes, der Firma „Aroma“, deren Eigentümer mit Weinimporten wahre Reichtümer verdient hat. Obwohl völlig heruntergekommen, soll das Bauwerk stolze neun Millionen Dollar kosten. Stark: „Das ist doch Wahnsinn für ein Gebäude, das eigentlich der Kirche gehört.“ Als im Juni 2011 erstmals seit 93 Jahren wieder eine farbenfrohe Fronleichnamsprozession von der Kirche St. Katharina von Ale­xandria aus, über den Newskij Prospekt gezogen ist, war dies dennoch ein historischer Tag in der Geschichte der Katholiken Russlands. Das feierliche Pontifikalamt zelebrierte der Moskauer Erzbischof Paolo Pezzi. Seinen Vorgänger Monsignore Constantin Budkiewicz, der sie 1918 organisierte, haben die Kommunisten an Ostern 1923 in den frühen Morgenstunden erschossen.

Was Lenin wohl von der Wiedergeburt des Katholizismus in der bis 1990 nach ihm benannten Stadt Leningrad gehalten hätte? Hatte er doch 1905 als größtes Hindernis auf dem Weg zum „neuen, sozialistischen Menschen“ den Glauben ausgemacht und verkündet: „Die Religion ist das Opium des Volks.“

 

 

 

 

 

Reportage von Christian Ammon, in: Würzburger katholisches Sonntagsblatt, Nr.25, 17.06.2012

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