Aufwind für Mariä-Heimsuchung

12:27 | Von | Kategorie: Aktuelle Neuigkeiten

Aufwind für Mariä Heimsuchung

 

Autor: Markus Frädrich

 

Seit Jahren kämpft der Steyler Missionar Pater Richard Stark für den Wiederaufbau der Pfarrkirche St. Mariä Heimsuchung im russischen Sankt Petersburg. Nach jahrelangen Bemühungen erhält die Gemeinde in diesen Wochen endlich das Gelände rund um die Kirche zurück. 9.762 Quadratmeter, für die Pater Stark ehrgeizige Pläne hat – wie er im Interview mit Markus Frädrich berichtet.

 

Pater Stark, Sie bezeichnen die ehemalige Friedhofskirche Mariä Heimsuchung in Sankt Petersburg als „Bollwerk des Glaubens“. Warum?

Eingeweiht wurde sie 1859. Trotz Brandstiftung, Ausraubung und Profanisierung hat sie zwei Weltkriege und 70 Jahre Kommunismus überstanden. Der letzte Pfarrer wurde 1937 erschossen und die Kirche endgültig geschlossen. Nach dem 2. Weltkrieg begann die systematische Zerstörung des Friedhofs, das Schleifen der Kirchturmspitze und die Umwandlung des Kirchengebäudes. Zunächst diente die Kirche als Lagerhalle, dann als Werkstatt. Erst nach dem Sturz und Zerfall des kommunistischen Systems erlaubte ein neues Gesetz die Rückgabe von Kircheneigentum und verpflichtete somit die katholische Kirche, sich für die Wiedergeburt dieser Kirche voll und ganz einzusetzen.

 

Vor 12 Jahren hat der zuständige Erzbischof den Steyler Missionaren die Leitung des „Projektes Mariä Heimsuchung“ übertragen…

Richtig. Nach dem neuen Recht hatte man uns die Kirche auf dem Papier zurückerstattet. Welcher Kampf es werden sollte, um das inzwischen unter Denkmalschutz gestellte Gotteshaus und das 9.762 Quadratmeter umfassende Gelände tatsächlich zurückzubekommen, ahnte 1999 allerdings niemand. Nach einem langen Prozessverfahren erhielten wir am 15.12.2002  das Kirchengebäude zurück, aber ohne dazugehörendes Gelände, weswegen wir bis heute von Kanalisation, Wasser, Strom und Gas abgeschnitten sind.

 

Das hat sich nun geändert?

Nach jahrelangem, zähem Bemühen sind die Katasteramtspapiere unterschrieben worden und durchlaufen zur Zeit die letzten Instanzen. Zum guten Schluss wird der Pfarrgemeinde außer dem  Gebäude und dem bisherigen Grundstück ein Gelände von 9.762 Quadratmetern zur kostenlosen Verfügung gestellt. Diese bleiben Eigentum der Stadt Sankt Petersburg, können aber später von der Pfarrei als Eigentum erworben werden

 

Was haben Sie mit diesen vielen zusätzlichen Quadratmetern vor?

Der Denkmalschutz macht uns dazu konkrete Vorgaben – wir haben natürlich unsere eigene Vorstellung, wie wir das Kirchengelände nutzen wollen.  Zunächst ist ein Erinnerungspark für die Verstorbenen des geschändeten Friedhofs geplant – rund 40.000 Katholiken. Wir haben bereits ein Denkmal für die katholischen Opfer der stalinistischen Repression aufgestellt. Unsere zahlreichen deutschen Besucher sollen durch Denkmäler und Erinnerungstafeln an die Opfer der Weltkriege  und der Leningrader Blockade erinnert werden. Allerseelen kommen jedes Jahr die Katholiken aller sechs Pfarreien der Stadt in unsere Kirche, um für die Verstorbenen zu beten. Der Friedhof liegt heute am Rande der Stadtmitte. In einer der zurückgegebenen Kapellen könnte eine Urnenaufbewahrungsstätte, ein so genanntes „Kolumbarium“ entstehen.

 

Planen Sie immer noch, Mariä Heimsuchung zur Pilgerstätte zu machen?

Das tun wir, denn bislang gibt es so etwas in Russland nicht. In der Krypta ruhen sieben Erzbischöfe von Russland. Im 20. Jahrhundert wirkten zwei Selige  in dieser Pfarrei: Schwester Bolaslawa Lament, die 1991 seliggesprochen worden ist, und Pater Epiphan Akulow, dessen Seligsprechungsprozess man bereits eingeleitet hat.

 

Darüber hinaus wollen Sie soziale Projekte verwirklichen…

Dazu lassen wir  standardisierte Holzcontainer aufstellen. In einer solchen Wohnunterkunft kann zum Beispiel der behinderte Schuhmacher sofort sein Handwerk ausüben. Sobald das Gelände sicher umzäunt und gesäubert ist, wollen wir das Angebot von Hotels und Restaurants wahrnehmen, übriggebliebene Speisen zwischenzulagern und an soziale Einrichtungen zu vermitteln. Wir haben vor allem über orthodoxe Pfarreien den entsprechenden Kontakt mit Armenküchen, Waisen- und Straßenkindern, Obdachlosen und notleidenden alten Menschen. Schließlich möchten wir in unserer Pfarrei eine Anlaufstelle für Arme und Bedürftige einrichten, die vom Malteser Hilfsdienst versorgt werden.

 

Wie schreitet die Renovierung der Kirche voran?

Bislang konnten wir nur kosmetische Maßnahmen durchführen, etwa die Demontage aller fabrikähnlichen Einrichtungen, den Anstrich des Kirchenschiffs, die Einrichtung einer Winterkapelle, die Entfernung von Putz und Zwischenwänden in der Krypta, die provisorische Abdichtung des Kirchendachs und aller Fenster oder den Abriss der riesigen Garage in unmittelbarer Nähe der Kirche, natürlich auf eigene Kosten als Bedingung für die Übertragung des Geländes. Sobald die  Stadtverwaltung uns offiziell das Gelände überträgt, beginnt die eigentliche Renovierung – denn keine Firma darf ohne Vorlage einer behördlichen Bescheinigung  weder einen Betonzaun aufstellen noch neue Versorgungsleitungen durch das Gelände verlegen, wenn sich der Auftraggeber nicht als rechtlicher Eigentümer ausweisen kann.  Alle diese Jahre hindurch haben wir geduldig abgewartet und im Stillen eine Menge kostspieliger Vorarbeit geleistet, damit die Ausführung von konkreten Projekten zügig  vorangeht, soweit die Finanzierung sichergestellt ist.

 

Inwiefern legt Ihnen der Denkmalschutz Steine in den Weg?

Der Denkmalschutz  hat uns verpflichtet, alle Vorhaben durch so genannte „Projekte“ genehmigen zu lassen.  Diese Projekte sind teuer und zeitraubend, wie etwa diejenigen für Gelände, Wasser, Strom und Gasversorgung, Kanalisation, Drainage, Krypta, Fenster, Innenrenovierung, Außenfassade, Dachstuhl und Turmspitze. Allein für die Ausarbeitung dieser Projekte – also für den reinen „Papierkram“ – haben wir bisher mehr als 100.000 Euro aufbringen müssen, und Einiges steht noch aus. Plötzlich haben nämlich unsere betuchten Nachbarn gemerkt, dass ihnen die Staatsanwaltschaft auf die Pelle rückt. So versuchen sie, mit Bestechungsgeldern ihre Grundstücksgrenzen zu erweitern und denken, dass wir das nicht merken. Unsere Position ist folgende: Entweder sind die Grenzen festgelegt oder nicht. Ein Schritt zurück würde uns um Monate zurückwerfen.  Für uns bestehen Prioritäten, wie die Renovierungsarbeiten zeitlich ablaufen. Ganz dringend sind der Betonzaun um das Gelände,  Anschlüsse an das Versorgungsnetz der Stadt, die Drainage in der Krypta und die Erneuerung des Kirchendachs umzusetzen.

 

Wie sieht es mit finanzieller Unterstützung seitens der Stadt Sankt Petersburg aus?

Die haben wir bis heute nicht erhalten, obwohl städtische Mittel zur Verfügung stehen, wo doch die Regierung  Eigentümer des Projektes ist. Wir sind uns bewusst, dass der enorme Bedarf an Geldmitteln unsere Möglichkeiten übersteigt.  Daher haben wir seit Jahren einen Kreis von Sponsoren aufgebaut und 2009 eine eigene Stiftung  zur Renovierung von Mariä Heimsuchung ins Leben gerufen, die unter dem Schirm der Arnold-Janssen-Stiftung erfolgsversprechend angelaufen ist.

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Tamara Häußler-Eisenmann

Dipl. Journalistin

Pressesprecherin Steyler Missionare

Arnold-Janssen-Str. 30

53757 Sankt Augustin

Tel.: 0 22 41 – 237 757

Fax: 0 22 41 – 237 376

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